Charlottenburger Behördenirrsinn: 2einhalb Stunden Warten für eine Wartenummer

Die Schlange für die Wartenummer: Von hier einmal ganz hinten rum und dann wieder zurück bis zum Bürgeramtseingang: dort  bekommt man dann ganz persönlich seine Wartenummer überreicht - nach zwei Stunden STEHEN.

Die Schlange für die Wartenummer: Von hier einmal ganz hinten rum und dann wieder zurück bis zum Bürgeramtseingang: dort bekommt man dann ganz persönlich seine Wartenummer überreicht – nach zwei Stunden STEHEN.

Ich stelle mir das so vor: Irgendwo tief unten im Rathauskeller gibt es ein Amt zur Entwicklung von Bürgerabwehrmaßnahmen. Dort saßen vor einiger Zeit einige beflissene Amtspersonen, um sich eine neue Idee zu erdenken, wie man menschliche Lebenszeit möglichst effizient und nachhaltig vernichten kann. Heraus kam: das neue Bürgeramt in Berlin-Charlottenburg.

Das ist seit kurzem nicht mehr im Rathaus, sondern in einem Shoppingcenter – in den Wilmersdorfer Arcaden. Hört sich zunächst mal sehr bürgerfreundlich an. Es gebe zwar keinen Warteraum mehr, hieß es im Vorfeld der Eröffnung. Aber der sei ja auch nicht nötig. Wenn man warten muss, dann könne man sich seine Zeit doch sehr bequem im Center vertreiben – und den Behördengang mit Shopping verbinden. Oder mit einem gemütlichen Kaffeetrinken. Klingt wirklich gut.

Nur so funktioniert es leider nicht.

Das, was sich die Bürgerabwehrspezialisten im Rathaus ausgedacht haben, heißt: Warten auf die Wartenummer. Denn: Nur mit Wartenummer funktioniert die schicke Behörden-Shopping-Kombi überhaupt. Und so eine Wartenummer, die gibts nicht einfach so. Die muss sich der Bürger verdienen. Am besten unter Schmerzen, so werden es die beflissenen Amtspersonen im Behördenkeller sich überlegt haben. Für eine Wartenummer muss man warten. Schließlich heißt sie ja auch so.

Am besten richtig lange warten.

Am Donnerstag zum Beispiel öffnet das Bürgeramt um 10.00 Uhr. Ich hatte etwas Zeit und war schon um 9:00 Uhr da. Um diese Uhrzeit – eine Stunde vor Öffnung – standen schon etwa 30 Leute vor dem Bürgeramts-Eingang. Und warteten. Auf eine Wartenummer.

Um Wartenummern auszugeben, könnte man zwar auch einen Automaten aufstellen. Aus dem zieht man sich dann seine Nummer. Idealerweise steht drauf, wie viele Leute noch vor einem sind und wann man in etwa dran ist (von einer SMS-Benachrichtigung wage ich mal gar nicht erst zu träumen) – dann könnte man nämlich noch dies und das erledigen und wäre pünktlich wieder da.

Aber nicht so in Charlottenburg. Dort wird Lebenszeit sehr großzügig vernichtet. Statt die Bürger sinnvolle Sachen tun zu lassen, lässt man sie dort rumstehen. Stundenlang. Und das geht so:

Statt eines Wartenummernautomaten, gibt es in Charlottenburg staatlich zertifiziertes (vermutlich verbeamtetes) Wartenummernausgebepersonal. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn diese Aufgabe nicht von geschulten Fachkräften ausgeführt werden würde. Am Ende könnte eine Wartenummer fehlen. Oh Graus. Oder nicht mit der entsprechenden Würde übergeben werden. So eine Wartenummer aus dem Automaten nimmt doch keiner ernst. Das richtige Übergeben einer Wartenummer benötigt Fachpersonal.

Nur das Fachpersonal kommt leider erst um 10. Und weil am Eingang des Bürgeramts ein Schild hängt, dass Wartenummern höchstens bis 60 Minuten nach Öffnung ausgegeben werden, empfiehlt es sich frühzeitig da zu sein. Wer um 10 kommt – oder sogar noch später – der hat verloren.

Wartenummern sind ein begehrtes Gut: Spätestens nach 60 Minuten sind alle weg. Deshalb empfiehlt es sich früh zu kommen. Wer lange genug auf eine Wartenummer wartet, hat sich dann auch wirklich eine verdient.

Wartenummern sind ein begehrtes Gut: Spätestens nach 60 Minuten sind alle weg. Deshalb empfiehlt es sich früh zu kommen. Wer lange genug auf eine Wartenummer wartet, hat sich dann auch wirklich eine verdient.

Die ersten in der Schlange waren am Donnerstag schon um 7:30 Uhr da, erzählen sie mir. Zweieinhalb Stunden vor Öffnung des Bürgeramtes. Sie wollten auf jeden Fall eine Wartenummer haben – in den Vortagen wären die immer schon alle vergeben gewesen. Und so stehen sie nun 150 Minuten lang vor der Tür. Sitzen können sie ja nicht – es gibt keine Bänke, keine Stühle, schließlich gibt es ja auch keinen Warteraum.

Um 10 – als das Bürgeramt öffnet – rankt sich die Wartenummern-Warteschlange einmal durch das halbe Obergeschoss der Wilmersdorfer Arcaden. Schätzungsweise 150 Leute stehen erwartungsvoll in der Schlange, um fachgerecht ihre persönliche Wartenummer überreicht zu bekommen. Da STEHEN neben vielen anderen auch 70-jährige und Schwangere, auch kleine Kinder – alle STEHEN und warten auf eine Wartenummer.

Im Schnitt dauert es etwa 1 Stunde, bis man seine Wartenummer hat – und anfangen kann zu warten. Nach etwa 60 Minuten sind – wie angekündigt – alle Wartenummern für diesen Tag vergeben. Im Bürgeramt erzählt eine Sachbearbeiterin mir, dass dann viele Leute sehr sauer sind. Manche werden auch sehr laut – und einige sogar aggressiv und gewalttätig. “Wir haben vor dem Umzug alles versucht, das zu verhindern”, erzählt mir die Sachbearbeiterin. “Jetzt müssen Sie es als Bürger versuchen. Bitte beschweren Sie sich beim Bezirk. Je mehr Leute das tun, desto besser.”

Ja, ich werde mich beschweren. Ich hoffe nur, ich brauche dafür keine Wartenummer.

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