Frieden, Freiheit, Wurst beim ESC, aber Vorsicht vor Vorturteilen: Russen sind ähnlich tolerant wie Deutsche

Dieses Wochenende war ein Fest für Europa: Frieden, Freiheit, Wurst – so könnte man den grandiosen Sieg von Conchita Wurst beim ESC überschreiben. Der Erfolg der vollbärtigen Dragqueen aus Österreich setzt ohne Zweifel auch ein politisches Zeichen: Europa hat gezeigt, welchen Wert Freiheit und Toleranz auf dem Kontinent haben – und das über Landesgrenzen hinweg. Aber auch etwas anderes hat der ESC 2014 gezeigt: Manches gut gepflegte Vorurteil über andere Länder kam mächtig ins Wanken. Russen sind zum Beispiel ähnlich tolerant wie Deutsche.

Schwere Zeiten für Gut-Böse-Denker

Aus 13 Ländern bekam der Siegertitel 12 Punkte, aus sieben weiteren die zweitbeste Punktzahl 10. Die Wertungen wirbelten dabei auch manches gut gepflegte Vorturteil durcheinander. Denn Topwertungen kamen auch aus erzkatholischen und damit vermeintlich konservativen und intoleranten Ländern, wie Italien, Portugal, Malta oder Spanien. Auch manche angeblich ach so rückständigen osteuropäischen Länder fanden den Wurst-Auftritt top: Slowenien zum Beispiel oder sogar die ehemalige Sowjetrepublik Georgien.  Selbst aus Israel gab es 12 Punkte. Das tut den Vorurteilen richtig weh.

Aber zum Glück sahen sich ja alle Schwarz-Weiß- und Gut-Böse-Denker zumindest bei der Wertung aus Russland bestätigt: Gerade mal 5 Punkte gab es da für Conchita. Die Russen eben – sind ja alle ohnehin homophob und von ihrer Regierung beeinflusst. Vorurteil bestätigt.

Deutschland und Russland bewerteten fast gleich

Da kann man nur sagen: Vorsicht, Vorsicht. Denn ein etwas genauerer Blick auf die Wertung bringt auch da manches Weltbild mächtig ins Wanken: Ja, aus Russland gab es nur 5 Punkte. Aus Deutschland allerdings kamen auch gerade mal 7. Und beides hatte eine ähnliche Ursache. Schuld ist das komplizierte Bewertungsverfahren beim ESC. Nur die Hälfte der Punkte gehen auf das Konto des Zuschauervotings – die andere Hälfte vergibt eine nationale Jury.

Und da sieht das Ergebnis in Russland und Deutschland sehr ähnlich aus. Im Zuschauervoting konnte Conchita in beiden Ländern richtig abräumen: In Deutschland landete sie auf Platz 1, in Russland auf Platz 3. Wer hätte das gedacht?

Schuld an den schlechten Bewertungen waren in beiden Fällen nicht die Zuschauer, sondern die Jurys. Sowohl in Deutschland als auch in Russland gab es von den Profibewertern 0 Punkte.

Die Jury braucht kein Mensch

Zum einen wirft das Zweifel am Bewertungssystem auf: Trauen die ESC-Verantwortlichen den Zuschauern kein ausgewogenes Urteil zu? Wozu braucht es noch eine Jury? Das wirkt doch sehr bevormundend – und mit einer demokratischen Abstimmung hat das nix zu tun. Also: Weg damit.

Und zum anderen zeigt dieses Ergebnis nochmal deutlich: Vorurteile sind Quatsch. Ohne Bevormundung fällt die Bewertung im supertoleranten Deutschland und im superrückschrittlichen Russland fast identisch aus. Also: Auch weg damit.

Dann wird die Wurst zu einem richtigen europäischen Toleranzsymbol.

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